Tore der Erinnerung am Campus der Universität Wien

1998

Bei der Eröffnung des Universitätscampus 1998 wurden die alten und die neuen Tore zur Eröffnung der Anlage nach berühmten WissenschafterInnen und bekannten Persönlichkeiten benannt. Die insgesamt 23 neu benannten Tore greifen auf die 650jährige Geschichte der Universität Wien zurück und dienen zur Erinnerung an einige der bedeutendsten Persönlichkeiten der Wiener Wissenschaft.

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Die Benennung der Tore stellt eine neuere Form der Ehrung für verdiente Persönlichkeiten rund um die Universität dar. Die Namen wurden aus allen acht Fakultäten ausgewählt, die es 1998 gegeben hat, und mit dem Tor der "heimlich Schwangeren" wurde auch an die Tausenden ledig gebärenden Frauen erinnert, denen hier bis 1908 geholfen wurde. Das zentrale Tor bildet das "Sonnenfels-Tor". Bei der Benennung wurden auch die bis dahin kaum in der Gedenkkultur vertretenen Gruppen der Frauen sowie der vertriebenen wissenschafterInnen stärker berücksichtigt. Teilweise entschied man sich auch für Doppelbenennungen nach zwei Personen, oft solche, die den gleichen Namen tragen. So gibt es ein "Menger-Tor", einmal nach dem berühmten Nationalökonomen Carl Menger benannt, und gleichzeitig nach seinem Sohn, Karl Menger, Mathematikprofessor und Mitglied des Wiener Kreises.

Alle Geehrten auf einen Blick

Berühmte Frauen

Bolla-Kotek-Tor (Rotenhausgasse - Hof 8):
Sibylle Bolla-Kotek (1913-1969), erste außerordentliche Professorin für Römisches und Bürgerliches Recht, damit erste Rechtsprofessorin in Österreich, 1958 Ernennung zur ordentlichen Professorin, damit auch erste Frau, der ein juristischer Lehrstuhl übertragen wurde

Browne-Tor (Hof 3 -Hof 6):
Martha Stephanie Browne (Braun) (1898-1990), Staatswissenschafterin, Emigration in die USA, Professorin am Brooklyn College in New York

Jahoda-Tor (Hof 1 - Hof 2):
Marie Jahoda (1907-2001), empirische Sozialforscherin, Studie: "Die Arbeitslosen von Marienthal"

Karlik-Tor (Thavonatgasse):
Berta Karlik (1904-1990), habilitierte 1937 für Physik mit der Arbeit "Die Grenzen der Nachweisbarkeit der schweren Edelgase in Helium"

Wagner-Rieger-Tor (Hof 8 - Hof 9):
Renate Wagner-Rieger (1921-1980), 1971 Ernennung zur Ordinaria für Österreichische Kunstgeschichte, 1978 Vorstand des Instituts für Kunstgeschichte

Berühmte Männer

Beth-Tor (Spitalgasse - Hof 1):
Karl Beth (1872-1959), Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät in den 1930er Jahren, 1938 Emigration nach Amerika

Holzknecht-Tor (Rotenhausgasse - Hof 7):
Guido Holzknecht (1872-1931), bedeutender Röntgenologe

Seligmann-Tor (Hof 2 - Hof 3):
Romeo Seligmann (1808-1892), erster (außerordentlicher) Professor für das Fach Geschichte der Medizin

Suess-Tor (Hof 1 - Hof 7):
Eduard Suess (1831-1914), 1867 Ernennung zum ordentlichen Professor der Paläontologie, unter seiner Ägide wurde die erste Wiener Hochquellenwasserleitung errichtet

Verdross-Tor (Hof 3 - Hof 5):
Alfred Verdross (1890-1980), Professor für Völkerrecht, Rechtsphilosophie und Internationales Privatrecht, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät 1946/47 und 1958/59, Rektor der Universität Wien 1951/52

"Gemeinsame Tore"

Bühler-Tor (Spitalgasse nächst Alserstraße):
Charlotte Bühler (1893-1974), außerordentliche Professorin für Psychologie, 1938 von den Nationalsozialisten vertrieben, Emigration, arbeitete zusammen mit ihrem Ehemann Karl Bühler (1879-1963) am Aufbau des neugegründeten Psychologischen Instituts, wo Karl Bühler eine Professur annahm

Freud-Tor (Spitalgasse Mitte):
Anna Freud (1895-1982), Tochter von Sigmund Freud (1856-1939), Ausbildung als Psychoanalytikerin, 1938 Emigration nach London gemeinsam mit ihrem Vater, der 1919 den Titel eines ordentlichen Professors der Universität Wien annahm

Lesky-Tor (Hof 3 - Hof 13):
Albin Lesky (1896-1981), 1949 Ordinarius des Instituts für Klassische Philologie, 1958/59 Dekan und 1963/64 Rektor, verheiratet mit Erna Lesky (1911-1986), 1960 Leiterin des Instituts für Geschichte der Medizin, erste ordentliche Professorin an der Medizinischen Fakultät

Menger-Tor (Hof 1 - Hof 4):
Carl Menger (1840-1921), Professor für Volkswirtschaftslehre, Begründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Sohn Karl Menger (1902-1985), Professor für Mathematik, Mitglied des Wiener Kreises

Pfleger-Ehrmann-Tor (Hof 2 - Hof 4):
Gertraut Ehrmann (1915-1997), Dermatologin, gemeinsam mit Victoria Lilly Pfleger-Schwarz (1909-1992) zählt sie zu den ersten für das Fach Dermatovenerologie an der Universität Wien habilitierten Frauen

Gelehrte vor 1800

Celtis-Tor (Hof 4 - Hof 5):
Konrad Celtis (1459-1508), Professor für Rhetorik und Poetik, bedeutendster deutscher Humanist und neulateinischer Dichter der vorreformatorischen Zeit

Hell-Tor (Hof 2 - Hof 7):
Maximilian Hell (1720-1792), Professor für Astronomie und Mechanik an der Universität Wien, erster Direktor des neu errichteten Observatoriums in der Neuen Aula (heute Akademie der Wissenschaften)

Peuerbach-Tor (Hof 6 - Hof 7):
Georg Aunpeck von Peuerbach (1423-1461), bedeutender Astronom und Mathematiker, sein Hauptwerk "Theoricae novae planetarum" war Standardlehrbuch an allen europäischen Universitäten

Sonnenfels-Tor (Haupttor Alserstraße 4):
Josef von Sonnenfels (1732-1817), erhielt 1763 die neu geschaffene Professur für Polizei- und Kameralwissenschaft, 1794 und 1796 Rektor der Universität Wien

Sorbait-Tor (Hof 5 - Hirnforschung):
Paulus de Sorbait (1624-1691), Dekan der Medizinischen Fakultät in den Jahren 1666, 1669, 1678, Rektor 1668, Werke zur Geschichte und Organisation der Universität Wien

Päpste & Heilige

Johannes-Tor (Spitalgasse 2):
Hl. Johannes, Apostel und Evangelist, seit 1389 Patron der Katholisch-Theologischen Fakultät

Piccolomini-Tor (Hof 7 - Hof 8):
Enea Silvio Piccolomini (1405-1464), 1458 Papst der röm.-kathol. Kirche ("Humanismuspapst"), "Apostel" der humanistischen Bildung in Österreich

Tor der "heimlich Schwangeren"

Das Allgemeine Krankenhaus hatte bei seiner Gründung 1784 im östlichen Trakt (heute Thavonatgasse/Rotenhausgasse) eine eigene Gebärabteilung. Diese war auch eine Zufluchtsstätte für ledig gebärende Frauen, die ihre Neugeborenen im angeschlossenen Findelhaus zurücklassen konnten. Fast 700.000 Frauen nutzten im Laufe der Geschichte diese Einrichtung, die den Forderungen aufgeklärter Zeitgenossen, denen das Schicksal lediger Mütter am Herzen lag, entsprach.

Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert am : 07.03.2017 - 11:59

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