Ernst Wilhelm Ritter von Brücke, Prof. Dr.

6.6.1819 – 7.1.1892
geb. in Berlin gest. in Wien

Funktionen

DekanIn Medizinische Fakultät 1868/69
Rektor Medizinische Fakultät 1879/80

Ehrungen

Ehrung Titel Datierung Fakultät
Denkmal Arkadenhof 1894 Medizinische Fakultät

Ernst Wilhelm Brücke, Sohn des Porträt- und Historienmalers Johann Gottfried Brücke, besuchte das Gymnasium in Stralsund und studierte ab 1838 Medizin an den Universitäten Berlin und Heidelberg. Mit einer Dissertation über Diffusionsvorgänge („De diffusione humorum per septa mortua et viva“) wurde er 1842 in Berlin bei Johannes Müller zum Doktor der Medizin promoviert. Im Folgejahr wurde er Prosektor an Müllers Institut sowie Assistent am Berliner Museum für vergleichende Anatomie. 1844 für das Fach Physiologie habilitiert, gründete er 1845 gemeinsam mit Emil du Bois-Reymond und anderen die Physikalische Gesellschaft (ab 1899: „Deutsche Physikalische Gesellschaft“), die eine an den exakten Naturwissenschaften (Physik, Chemie) orientierte medizinische Forschung vertrat.
Brücke, der bereits 1847 eine „Anatomische Beschreibung des Augapfels“ publiziert hatte und sich auch weiterhin mit interdisziplinären Fragen wie der Farbenlehre auseinandersetzte, lehrte ab 1946 Anatomie an der Akademie für bildende Künste in Berlin, bis er 1848 als außerordentlicher Professor für Physiologie an die Universität Königsberg berufen wurde.

1849 wurde Ernst Brücke auf Anregung Josef Hyrtls als ordentlicher Professor für Physiologie und mikroskopische Anatomie (Histologie) sowie als Leiter des Physiologischen Instituts an die Universität berufen, wo er bis 1890 lehrte. Er konnte die zunächst dürftige Ausstattung seines Instituts rasch verbessern und modernisieren. Das Institut übersiedelte 1854 vom Josephinum in die alte Gewehrfabrik (heute: Anatomisches Institut) und entwickelte sich zu einem internationalen Zentrum der physiologischen Forschung.
Trotz heftiger Proteste der hauptsächlich katholischen Professorenschaft wurde Ernst Brücke im Studienjahr 1868/69 als erster Protestant in der Geschichte der Universität Wien zum Dekan der Medizinischen Fakultät gewählt. 1879 fungierte er als erster Nicht-Katholik als Rektor der Universität Wien.

Ernst Wilhelm Brücke (ab 1873 Ernst Wilhelm Ritter von Brücke) zählt zu den wichtigsten Vertretern der Wiener Medizinischen Schule des 19. Jahrhunderts und gilt als Begründer der österreichischen Physiologen-Schule, aus der zahlreiche berühmte Schüler wie seine Assistenten Alexander Rollett, Sigmund Exner, Ernst Fleischl von Marxow und Maximilian von Vintschgau, aber auch Karl Gussenbauer und Sigmund Freud hervorgingen.

In seinen Forschungen und über 140 wissenschaftlichen Publikationen befasste sich Brücke mit verschiedensten Gebieten der Physiologie, wie Morphologie, physiologische Chemie, Optik, Nerven- und Muskelphysiologie, Physiologie des Blutes, der Verdauung sowie der Sprachorgane. Auf Basis seiner Arbeiten über die Anatomie des Auges konstruierte der Berliner Mediziner und Physiker Hermann von Helmholtz den Augenspiegel, der die Beobachtung des Augenhintergrunds und damit die Untersuchung verschiedener Augenkrankheiten ermöglichte. Durch vergleichende mikroskopische Arbeiten über die Zellen („Elementarorganismus“) gelang Brücke der Nachweis der Wesensgleichheit des Protoplasmas bei Pflanzen und Tieren. Zudem lieferte er wesentliche Erkenntnisse zu den Reizbewegungen der Mimosen, zum Farbenwechsel des Chamäleons, zur Wirksamkeit des Pepsins, über Gallenfarbstoffe, Harn und Blutgerinnung.
Zu seinen Forschungsmethoden zählten auch zahlreiche experimentelle Versuche – ein Grund für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Anatomen Josef Hyrtl. Hyrtl fühlte sich zunächst in seinem Institut von dem Lärm von Brückes Versuchstieren gestört, die jahrelangen heftigen Differenzen hatten jedoch eine weitaus tiefere, wissenschaftstheoretische Bedeutung: Brücke vertrat eine neue rein naturwissenschaftliche Orientierung der medizinischen Wissenschaften (Methode des Experiments), die Hyrtl strikt ablehnte und demgegenüber eine naturphilosophische Orientierung (Methode der Beobachtung) vehement verteidigte.

Neben Brückes zentralen physiologischen Arbeiten befasste er sich außerdem mit ästhetisch-philologischen Grenzbereichen, wie Optik, Farbenlehre und Kunsttheorie, sowie Philologie, Lautbildung und Verskunst. Er gilt nicht nur als Erfinder der Lautschrift, sondern hatte mit seinen Forschungen zur Wahrnehmungsphysiologie auch großen Einfluss auf die Arbeiten Rudolf Eitelbergers, Begründer der Wiener Schule der Kunstgeschichte. Aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit bildender Kunst und Kunstforschung arbeitete Brücke seit 1864 auch als Kurator und Vortragender am Österreichischen Museums für Kunst und Industrie (heute: Museum für Angewandte Kunst, MAK), das Eitelberger leitete.
Ernst Wilhelm von Brücke engagierte sich für eine aufgeklärte Bildungspolitik, etwa als er in seiner Inaugurationsrede als Rektor 1879 eine umfassende klassische (auch ethische) Bildung für angehende Ärzte forderte, oder als er 1883 als Mitglied des Herrenhauses vehement gegen die Einführung konfessioneller Schulen in Österreich auftrat.

Seine wissenschaftlichen Leistungen wurden national sowie international hoch geschätzt: Er gehörte ab 1849 der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien als wirkliches Mitglied sowie 1882–1885 als Vizepräsident an, zudem der Gelehrtenakademie Leopoldina (1852) und den Akademien der Wissenschaften in Preußen (1854), Göttingen (1861) und Bayern (1873). Seit 1879 fungierte er als Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Reichsrates. Brücke wurde mit mehreren Ehrendoktoraten ausgezeichnet, zum Hofrat sowie in den Ritterstand (1873) erhoben und mit zahlreichen Orden bedacht: So war er Träger des Leopold-Ordens (1873), des preußischen Ordens Pour le Mérite (1878), des schwedischen königlichen Nordstern-Ordens, des Bayerischen Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst, des österreichischen Ehrenzeichens für Kunst und Wissenschaft (1888) sowie des Komthurkreuzes des Franz-Joseph-Ordens mit dem Sterne (1890).
Auf Antrag Sigmund Exners wurde für den Arkadenhof der Universität Wien ein Denkmal für Ernst Brücke von Schülern, Kollegen sowie medizinischen Fachgesellschaften gestiftet, das der Bildhauer Otto König gestaltete und am 7. Jänner 1894 enthüllt wurde.

Werke (Auswahl)

Ueber das Bluten des Rebstockes (in: Annalen der Physik und Chemie, 63/10), 1844.
Anatomische Beschreibung des Augapfels, 1847.
Ueber die Bewegungen der Mimosa pudica (in: Physiologie und wissenschaftliche Medicin), 1848.
Untersuchungen über subjective Farben, 1851.
Grundzüge der Physiologie und Systematik der Sprachlaute für Linguisten und Taubstummenlehrer, 1856 (2. Auflage 1876).
Untersuchungen über den Bau der Muskelfasern mit Hülfe des polarisirten Lichtes, 1858.
Die Elementarorganismen (in: Sitzungsberichte der Math.-Nat. Classe der Akademie der Wissenschaften 44), 1861.
Über Ergänzungsfarben und Contrastfarben (in: Sitzungsberichte der Math.-Nat. Classe der Akademie der Wissenschaften, 51), 1865.
Die Physiologie der Farben für die Zwecke der Kunstgewerbe, 1866.
Die physiologischen Grundlagen der neuhochdeutschen Verskunst, 1871.
Vorlesungen über Physiologie (2 Bände), 1873/74 (4. Auflage 1885).
Über die Notwendigkeit der Gymnasialbildung für die Ärzte (Inaugurationsrede), 1879.
Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt, 1891 (2. Auflage 1893).
Wie behütet man Leben und Gesundheit seiner Kinder?, 1892
Untersuchungen über den Farbenwechsel des afrikanischen Chamäleons (1851–52), hg. von M. von Frey, 1893.
Pflanzenphysiologische Abhandlungen (1844–1862), hg. von A. Fischer, 1898.

> Österreichisches Biographisches Lexikon
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> u:monuments: Denkmal Ernst Wilhelm von Brücke

Katharina Kniefacz

Zuletzt aktualisiert am 31.05.2019 - 12:16

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