Heinrich von Langenstein, Mag., Prof. theol.

–11.2.1397
geb. in Langenstein bei Marburg gest. in Wien

(latinisiert: Henricus de Langenstein (dicti de Hassia))

Professor der Theologie

Funktionen

Rektor 1393/94
Vizekanzler 1385
DekanIn Katholisch-Theologische Fakultät 1388/89

Heinrich von Langenstein, meist Heinrich von Hessen genannt, wurde von seinen Zeitgenossen in Anlehnung an einen üblichen Brauch als Doctor conscientosus, der "gewissenhafte Gelehrte", bezeichnet. Er war ein namhafter Spätnominalist und wohl der bedeutendste Scholastiker in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Informationen zu seiner Herkunft sind durch seinen Urgroßneffen Johannes Hinderbach (1418-1486), den späteren Bischof von Trient, überliefert. Dieser berichtet in einer Notiz, dass sein Verwandter aus einer armen kinderreichen Familie stammte. Eine adelige Herkunft, wie teilweise in der Literatur behauptet, lässt sich nicht verifizieren. Auch der in wenigen Dokumenten überlieferte Familienname „ Heinbuche“ bzw. „Hembuche“ spricht eher dagegen. Sein Geburtsdatum ist nicht bekannt, ein Großteil der Forscher geht davon aus, dass Langenstein um 1325 geboren wurde. Neuere Untersuchungen gehen von einem späteren Datum um 1340 aus.

Langenstein, der nach Aussage Hinderbachs seine Heimat wegen einer Hungersnot verlassen hatte, begann um 1360/61 sein Studium an der Universität Paris. Im Februar 1363 wurde er zum Bakkalar der artes promoviert, im Mai desselben Jahres zum Lizenziaten. Die Prüfungsgebühren waren ihm als pauper erlassen worden. Von 1363 bis 1373 unterrichtete er an der Artistenfakultät.  Daneben studierte Langenstein, der um 1367 die Priesterweihe erhalten hatte, Theologie. 1371 wird er als Bakkalar genannt, 1375 wurde er zum Doktor promoviert und unterrichtete an der Theologischen Fakultät. Im Sommersemester 1363 war er Prokurator der englischen Nation sowie von 1371 bis 1381 Vizekanzler der Universität Paris.

Nachdem sich die Universität Paris auf Befehl des Regenten Ludwig von Anjou für den avignonesischen Papst Clemens VII. ausgesprochen hatte, wurden die Anhänger Roms und die Verfechter des Konzilsgedankens aus der Universität gedrängt. Auch Langenstein verließ 1382 die französische Hauptstadt. Nach kurzem Aufenthalt in Eberbach und möglicherweise Lüttich (Langenstein war Kanoniker am dortigen Domstift) folgte er 1384 dem Ruf Herzog Albrechts III. und seines Kanzlers Berthold von Wehingen nach Wien. Zeitgleich mit Langenstein kam sein ehemaliger Pariser Kollege Heinrich Totting von Oyta von Prag nach Wien. Dank des Rufes dieser beiden Gelehrten konnten in Folge zahlreiche Universitätsangehörige aus Paris und Prag „abgeworben“ werden. Auch etliche Verwandte Langensteins kamen nach Wien, beispielsweise seine Neffen Andreas und Paul von Langenstein oder der Mediziner Hermann Lelle von Treysa.

In Wien wurde Langenstein als Professor der Theologie in das neu gegründete Collegium ducale aufgenommen. Neben der Lehre wirkte er maßgeblich an der Reform der Universität und am Aufbau der gerade bewilligten Theologischen Fakultät mit. Der Text des sogenannten „Zweiten Stiftbriefs“ von 1384 geht auf ihn zurück. Weiters  konsultierte ihn die Artistenfakultät mehrfach zu Modalitäten der Lizenziatenprüfung; 1385 ist er als Vizekanzler nachweisbar.  In den Jahren 1388/89 arbeitete er an der Ausarbeitung der Statuten der Theologischen Fakultät mit und war Mitglied der Kommission, die sämtliche Fakultätsstatuten vor ihrem Inkrafttreten auf Rechtskonformität überprüfte.

In einer 1388 verfassten Denkschrift an Albrecht III. schlug Langenstein Maßnahmen zur baulichen und finanziellen Verbesserung des Herzogskollegs und der Universität, zur Klärung der Stellung der Universität gegenüber der Stadt und dem Bischof von Passau sowie die vollständige Übertragung der Gerichtsbarkeit an den Rektor vor. Dabei verwies er wie schon im Albertinum und in den Fakultätsstatuten mehrfach auf das Vorbild der Universität Paris. Sein Wirken für die Universität trug ihm die ehrende Bezeichnung fundator (Gründer) ein. Die bedeutende Stellung Langensteins innerhalb der Universität und der Theologischen Fakultät wird auch daraus ersichtlich, dass er 1396 bei der Übergabe des neuangefertigten Fakultätssiegels an den damaligen Dekan Paul von Geldern anwesend war.

Um 1391 wurde Langenstein Pfarrer der landesfürstlichen Pfarre Großrußbach. Er starb am 11. Februar 1397 in Wien und wurde im Südchor des Stephansdoms begraben. Auf den Gräbern Langensteins und des kurz nach ihm verstorbenen Heinrichs von Oyta befanden sich gemalte Votivbilder, die 1460 auf Veranlassung Thomas Ebendorfers restauriert wurden. 1510 wurden die Gebeine Langensteins, Oytas und weiterer Professoren in die Katharinenkapelle umgebettet, um Platz für das Hochgrab Kaiser Friedrichs III. zu schaffen. Die ebenfalls transferierten Votivbilder sind seit dem frühen 17. Jahrhundert verschollen. 2009 widmete die Katholisch-theologische Fakultät Langenstein und Oyta eine Gedenktafel im Stephansdom.

Heinrich von Langenstein hinterließ etwa hundert Schriften. Aufgrund seiner astronomischen und naturwissenschaftlichen Traktate, in denen er sich u.a. gegen die von ihm als Aberglauben klassifizierte Astrologie wendet, galt er bereits im 16. Jahrhundert als der Initiator einer astronomisch-mathematischen Tradition an der Wiener Universität.

Auf dem Gebiet der Theologie verfasste er Kommentare zu einzelnen Büchern der Bibel – hier ist in erster Linie sein siebenbändiger Kommentar zur Genesis zu nennen – sowie zu den Sentenzen des Petrus Lombardus. Weiters sind theologische Gutachten und Predigten erhalten. Besonders erwähnenswert ist die Predigt zum Fest der heiligen Katharina, der Patronin der Artistenfakultät, am 25. November 1396. Darin entwirft Langenstein ein Idealbild von der Ordnung und Zusammenarbeit der an der Universität vertretenen Disziplinen. In einigen Predigten wendet sich Langenstein mit vergleichsweise differenzierter Argumentation und wenig Polemik an ein jüdisches Publikum, um dieses zum Christentum zu bekehren. Sein an die Stadt Wien adressiertes Gutachten über den Rentenkauf von 1393/94, in dem er u.a. Gedankengänge Heinrich von Oytas  übernimmt, verzichtet ebenfalls weitgehend auf antijüdische Stereotypen.

Daneben verfasste er Schriften erbaulichen und mystisch-eschatologischen Charakters und gilt als Autor der verloren gegangenen lateinischen Vorlage zur „Erkenntnis der Sünde“. Dieser Albrecht III. gewidmete Sündentraktat und Fürstenspiegel wurde vermutlich von Marquard von Randegg ins Deutsche übertragen.

Seit seiner Pariser Zeit befasste sich Langenstein mit der kirchenpolitischen Frage seiner Zeit – dem Abendländischen Schisma. In mehreren Traktaten plädierte er für Neutralität gegenüber den Ansprüchen der Päpste in Avignon und Rom und für die Einsetzung eines Generalkonzils zur endgültigen Klärung der Frage. In diesem Sinn korrespondierte er mit weltlichen und geistlichen Würdenträgern und artikulierte seinen Wunsch nach einem Konzil sogar in Versform. Die Verwirklichung seines Anliegens durch das 1414 einberufene Konzil in Konstanz sollte Langenstein nicht mehr erleben.

Ulrike Denk

Zuletzt aktualisiert am 19.05.2020 - 11:20