Von einer fiktiven Ketzerverschwörung zum Juden-Pogrom

Die Verstrickung der Wiener Universität in die „Geserah“
1419–1421

Am 23. Mai 1420 wurden auf Befehl Herzog Albrechts V. sämtliche Juden in Wien und Niederösterreich verhaftet. In der Folge kam es zu Folter, Zwangstaufen, zu Ausweisungen und im März 1421 schließlich zur Hinrichtung von über zweihundert verbliebenen Juden auf dem Scheiterhaufen in Erdberg (heute 3. Wiener Gemeindebezirk).

Die Universität Wien war eine wichtige Instanz bei der Beurteilung von Häresien und der Argumentation gegen „Glaubensfeinde“. 1419 beriet die Theologische Fakultät darüber, wie gegen ein angebliches Bündnis von Juden, Hussiten und Waldensern vorzugehen sei. Sie griff damit einen Vorwurf auf, der bereits länger kursierte. Die Juden wurden von den Theologen mit Häretikern gleichgesetzt und somit als Gefahr für die Gesellschaft und das Gemeinwohl gebrandmarkt.

Demnach erscheint es plausibel, dass die Ereignisse der „Wiener Geserah“, wie das Pogrom nach einer seiner wichtigsten Quellen bezeichnet wird, Eingang in die Universitätsquellen gefunden hat. Welche Berichte und Erwähnungen finden sich, wie beurteilten die Universitätsangehörigen die Verfolgung der Juden, und welche Auswirkungen hatte die Geserah auf die Universität?

Die Akten der Universität und der Fakultäten erwähnen die konkrete Verfolgung der Wiener Juden allerdings mit keinem einzigen Wort. Es gibt jedoch einige Quellenstellen, aus denen die Haltung der Universität gegenüber den Juden zur Zeit der Geserah deutlich wird, und die den Gewinn, den sie aus der planmäßigen Auslöschung der Judengemeinde ziehen konnte, erkennbar machen.

Die große Ketzerverschwörung?

Am 9. Juni 1419 wurde in einer Sitzung der Theologischen Fakultät unter anderem die Frage eines möglichen Bündnisses zwischen Juden, Hussiten und Waldensern angesprochen. Die Wortwahl deutet darauf hin, dass es sich dabei um bereits kursierende Behauptungen handelt. Konkretere Vorwürfe wurden allerdings nur gegen die Juden erhoben: Diese seien zu zahlreich, führten einen zu luxuriösen Lebenswandel und besäßen blasphemische und gegen das Christentum gerichtete Bücher. Die Fakultät vertagte das Thema, da mehrere Magister und vor allem der Prior der Kartause Gaming, Leonhard Paetraer, nicht anwesend waren. Prior Leonhard, der Beichtvater Herzog Albrechts V., diente offenbar als Kontaktmann der Universität zum Landesfürsten. Ob die Fakultät über diese Verschwörungstheorie weiter beraten und dem Herzog darüber Bericht erstattet hat, geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor. Ebenso wenig lässt sich eruieren, wer das Thema auf die Tagesordnung gesetzt hat und ob es nicht möglicherweise sogar von Seiten des Hofes an die Fakultät herangetragen worden war. Letzteres würde bedeuten, dass sich der Landesfürst von der Universität eine theologisch fundierte Rechtfertigung für antijüdische Maßnahmen beschaffen wollte.

Der Vorwurf der Kollaboration mit den Hussiten wird auch in der Schrift, der die „Wiener Geserah“ ihren Namen verdankt, aufgegriffen, wohingegen Thomas Ebendorfer in seiner „Chronica Austriaca“ einen angeblichen Hostienfrevel in Enns als Ursache für die Verhaftung und Verurteilung der österreichischen Juden nennt. Während der Vorwurf der Hostienschändung immer wieder zur Rechtfertigung von Übergriffen gegen Juden diente, war die behauptete „Ketzerverschwörung“ von Juden, Hussiten und Waldensern der aktuellen politischen Lage in Böhmen und der Gefahr, welche von dort bis in die österreichischen Länder auszugehen schien, geschuldet. Mit dem Vorwurf eines Ketzer-Bündnisses wurde das Bedrohungsszenario weiter aufgebauscht.

Die Universität als Nutznießerin der Geserah

Die offiziellen Begründungen für die Verhaftung der Juden, nämlich die Kollaboration mit den Hussiten und die Hostienschändung, waren vorgeschoben. Welche Motive tatsächlich hinter der Aktion Herzog Albrechts standen, kann nicht mehr eindeutig geklärt werden. Generell kam es im 15. Jahrhundert zu einer Verschärfung antijüdischer Agitation durch die Kirche, die über Predigten weite Teile der Bevölkerung erreichte. Zusätzlich verloren die Juden gegen Ende des 14. Jahrhunderts ihre Rolle als Hauptgeldgeber des Adels und des Bürgertums. Aufgrund der dadurch gesunkenen Einnahmen zeigten die weltlichen Obrigkeiten zunehmend weniger Interesse am Schutz „ihrer“ Juden. Finanzielle Beweggründe spielten für Albrecht V. zwar eine Rolle, da er zu dieser Zeit erhöhte Geldmittel für die Kriegszüge gegen die Hussiten und seine geplante Heirat mit Elisabeth von Luxemburg, der Tochter Kaiser Sigismunds, benötigte. Die Forcierung von (Zwangs-)Taufen – entgegen päpstlicher Bestimmungen – und die Förderung von Konvertiten lassen vermuten, dass der Missionierungsgedanke – und somit in letzter Konsequenz die Sorge um das eigene Seelenheil – beim Herzog eine mindestens gleichwertige Rolle spielte.

Zu den Nutznießern der Geserah zählten neben dem Herzog jene Gefolgsleute, welche er mit Häusern und sonstigen Gütern aus ehemals jüdischem Besitz bedachte. Eine größere Zahl an jüdischen Häusern ging an die Stadt Wien. Während die Häuser des Ghettos weiterbestanden, wurden die Synagoge und der jüdische Friedhof demoliert und die dabei gewonnenen Steine für christliche Bauwerke verwendet.

Davon profitierte auch die Universität, die zu dieser Zeit den Bau eines neuen Gebäudes plante: Im Dezember 1421 überließ der Herzog der Universität die Steine der demolierten Synagoge als Baumaterial für die „Neue Schule“, was den Dekan der Artistenfakultät zu diesem Kommentar veranlasste:

Und siehe, so wurde die Synagoge des Alten Bundes wundersam verwandelt in die tugendhafte Schule des Neuen Bundes.

Bereits einen Monat nach der Hinrichtung der Wiener Juden am 12. März 1421 hatte die Theologische Fakultät Nikolaus von Dinkelsbühl und Petrus von Pulkau beauftragt, wegen der Überlassung von qualitativ hochwertigen hebräischen Handschriften beim Herzog zu intervenieren. Weniger gut erhaltene Handschriften wurden zum Binden von Büchern verwendet – so finden sich im Einband des 1443 angelegten Bandes der theologischen Fakultätsakten Pergamentstreifen einer hebräischen Handschrift.

Jüdische Konvertiten im Umfeld der Universität

Der oben zitierte Kommentar des Artistendekans lässt eine grundsätzliche Zustimmung zur Auslöschung des Ghettos erkennen und entsprach zweifellos einer an der Universität dominierenden antijüdischen Gesinnung, welche auch in der christlichen Gesamtgesellschaft vorherrschend war. Deshalb ist es durchaus bemerkenswert, dass die Universität konvertierten Juden weitgehend ohne Ressentiments begegnete.

In den Jahren nach der Geserah finden sich im Umfeld der Universität etliche Personen, die als Neophyten oder getaufte Juden bezeichnet wurden. Der erfolgreichste dieser Konvertiten war der Theologe und Domherr Paul Leubmann von Melk. An der Artistenfakultät finden sich in den 1420er- und 1430er-Jahren ebenfalls einige Neophyten. Die Medizinische Fakultät befasste sich in den Jahren nach 1421 mehrfach mit Konvertiten, die ohne die Approbierung durch die Fakultät als Mediziner praktizierten. Bei der Beurteilung dieser „Empiriker“ wurde in erster Linie auf Ausbildung und Qualifikation geachtet, die weiteren Umstände wurden nicht thematisiert. Einer dieser Neophyten, ein gewisser Caspar, wurde bei seinem Konflikt mit der Fakultät sogar durch Herzog Albrecht V. unterstützt und war vermutlich an dessen Hof tätig.

An diesen Beispielen wird erkennbar, dass jüdische Konvertiten in die universitäre Gemeinschaft ebenso wie in die übrige Gesellschaft durchaus integriert werden konnten. Sie galten rasch als vollwertige Mitglieder der christlichen Gemeinschaft und wurden nicht, wie die conversos in Spanien, über Generationen hinweg mit Misstrauen betrachtet. Auffällig, aber nicht untypisch war dabei, dass manche der Neophyten ihren neuen Glauben mit besonderem Eifer vertraten.

Ulrike Denk

Zuletzt aktualisiert am : 08.04.2020 - 16:54

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