„Siegfriedskopf“

1923–2006

Das Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gestorbenen Studierenden und Lehrenden der Universität Wien wurde 1923 in der Aula aufgestellt. Anfang der 1990er Jahre begann eine Debatte um die politischen Bedeutungen dieses Denkmals. Mit einer knappen historischen Dokumentation sollen am Beispiel von 1923 bis heute die unterschiedlichen Bedeutungen sichtbar gemacht werden, in denen das Denkmal stand und steht.

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1923 | Errichtung eines Denkmals

Nach einer ersten Initiative 1914, ein Gefallenendenkmal zu errichten, die jedoch nicht weiterverfolgt wurde, wurde das Konzept 1923 wieder aufgenommen. Auf Initiative der Deutschen Studentenschaft (DSt) Österreichs wurde in Verbindung mit "ihren Lehrern" ein Denkmal für die in "Ehren gefallenen Helden unserer Universität"errichtet. Die DSt wurde nicht von allen Studierenden demokratisch gewählt, stellte allerdings den alleinigen Anspruch auf deren Repräsentation. Durch diese Konstellation und die deutlich antisemitische und antidemokratische Ausrichtung der DSt in Österreich ist klar, dass jüdische sowie weibliche aber auch sozialistische und liberale Studierende und Lehrende vom Gedenken ausgeschlossen wurden. Der so genannte "Siegfriedskopf" wurde 1923 von Josef Müllner, Professor für bildende Kunst, entworfen - zunächst als übergroße liegende Ganzkörperplastik, aus Kostengründen konnte aber nur der Kopf realisiert werden. Das Denkmal spielt auf den Brudermord des Nibelungenstoffes und die "Dolchstoßlegende" an und lässt sich in die Tradition so genannter Langemarck-Denkmäler stellen, die den Heldentod der deutschen Jugend glorifizieren und nicht nur für die Nationalsozialisten als Symbol für den kämpfenden Studenten standen. Das Denkmal wurde 1923 in der Aula des Hauptgebäudes der Universität Wien aufgestellt, unter Rektor Carl Diener, Professor für Geologie und Paläontologie an der Universität Wien, der den "Abbau der Ostjuden" forderte und überzeugt war, dass die DSt die "fortschreitende Levantisierung Wiens" aufhalten könne.

1938-1945 | Nationalsozialismus

Bereits seit dem Ersten Weltkrieg spielte der Mythos von Langemarck vor allem für die deutschvölkischen, später auch für die nationalsozialistischen Studenten eine wichtige Rolle. Der "Siegfriedskopf" wurde zunehmend ein zentrales Symbol für diese Vorstellung vom kämpfenden Studenten und seines Heldentods. So wurde die Langemarckfeier des Nationalsozialistischen Deutschen Studenten Bunds (NSDStB) am 11. November 1938 – zwei Tage nach dem Pogrom, der so genannten "Reichskristallnacht"– rund um dieses Denkmal inszeniert. Davor hatten Vertreter des NSDStB die Entfernung von Denkmälern jüdischer Professoren gefordert, weil diese ihre Langemarckfeier stören würden. Als die Forderung nicht umgehend erfüllt wurde, beschmierten sie die Denkmäler mit Eisenlack.
An der Universität Wien wurde nach deutschem Vorbild ein sogenanntes "Langemarckstudium" eingerichtet: ein Vorbereitungsstudium, das parteitreue Nationalsozialisten aus der Unterschicht förderte.

1960er Jahre | Unterlassene Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

Bis in die 1960er Jahre hatte sich eine neue Normalität etabliert: Vormals nationalsozialistische Lehrende und Studierende waren wieder weitgehend an den Universitäten zugelassen und Burschenschaften wurden wieder zugelassen, während die Rückkehr Vertriebener eher verhindert als unterstützt wurde. 1965 – in dem Jahr, in dem die Universität Wien ihr 600. Gründungsjubiläum feierte – führte besonders der Fall von Taras Borodajkewycz, der sich als Professor an der ehemaligen Hochschule für Welthandel in Universitätsvorlesungen wiederholt antisemitisch geäußert hatte, in der österreichischen Öffentlichkeit zu einer heftigen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Hochschulen im Nationalsozialismus. In Österreich war der Fall hochschulpolitisch eine wichtige Zäsur, durch die eine Thematisierung der NS-Vergangenheit und daran gebundener Kontinuitäten möglich wurde.

1990er Jahre | Öffentliche Debatten um den "Siegfriedskopf"

Im Sommer 1990 führte der Beschluss des Akademischen Senats der Universität Wien, den "Siegfriedskopf" aus der Aula zu entfernen, zu einer ungewohnt kontroversiellen öffentlichen Debatte. Damit wurde ein schwelender Konflikt öffentlich wahrnehmbar, der seit Jahrzehnten zwischen einem Großteil der politisch aktiven, vor allem linken Studierenden und schlagenden Burschenschaftern bestanden hatte. Der wöchentliche Bummel der Burschenschafter rund um den "Siegfriedskopf" wurde von linken Studierenden, die dieser Form von Traditionspflege sowie den damit verbundenen Weltanschauungen und politischen Ansichten kritisch gegenüberstanden, angefeindet. Wiederholt war es zu mitunter gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen. Politisch engagierte Geschichtestudierende gestalteten eine Ausstellung mit dem Titel "Ehre, Freiheit, Vaterland", die im rechten Seitenflügel der Aula den "Siegfriedskopf" und seine Geschichte kommentierte.
Die Universität Wien gab eine offizielle Broschüre in Auftrag, in der sie auf diese Debatten mit einer Darstellung der Geschichte des "Siegfriedskopfes" reagierte und die Kontroverse mit einer Auswahl von Texten dokumentierte. Seit jener Auseinandersetzung haben Teile der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) sowie andere Institutionen und Personen vielfach und in unterschiedlicher Weise dieses Denkmal problematisiert und dessen Präsenz an einem der zentralen Orte der Universität in Frage gestellt, die Versetzung wurde jedoch aufgeschoben.

2006 | Wissenschaftliche Aufarbeitung und künstlerische Gestaltung "Kontroverse Siegfriedskopf"

Schließlich entschloss sich das Rektorat der Universität Wien, die Versetzung des Denkmals von der Aula in den Arkadenhof zu veranlassen und mit der künstlerischen Umgestaltung des Denkmals Bele Marx und Gilles Mussard (Atelier Photoglas TM) zu beauftragen, die dieses 2006 realisierten.
Eine Witterungshülle aus Glas sowie mehrere weitere Glasebenen und Einheiten dienen gleichzeitig als Träger von Textbeiträgen und Fotografien aus Tageszeitungen von 1923 bis heute, die die Geschichte des Denkmals dokumentieren. Der äußere Kubus ist Träger eines zeitgeschichtlichen Textes von Minna Lachs, sie beschreibt darin exemplarisch eine Situation antisemitischer Übergriffe in den 20er Jahren. Das ursprüngliche Denkmal wurde in seine skulpturalen Bestandteile: Plinthe, Sockel und Kopf zerlegt und die isolierten Einzelteile einem jeweiligen „Glasraum“ zugeordnet. Neben der räumlichen Entrückung wird gleichsam die zeitliche Distanznahme angesprochen, die mit der künstlerischen Auseinandersetzung einen neuen Zugang in der Gegenwart schafft.