Das alte Allgemeine Krankenhaus (Altes AKH)

1783–1998

Der Gebäudekomplex an der Alser Straße 4, der seit 1998 der Campus der Universität Wien ist, geht auf das Großarmenhaus aus dem 17. Jahrhundert zurück, das im 18. Jahrhundert zum Allgemeinen Krankenhaus (Altes AKH) umgebaut wurde und das über zwei Jahrhunderte diese Gegend entscheidend prägte. Die Geschichte des Allgemeinen Krankenhauses ist in institutioneller und personeller Hinsicht eng mit der Wiener Medizinischen Fakultät verbunden. Hier befand sich die Keimzelle der berühmten Wiener Medizinischen Schule.

Vom Großarmenhaus zum Allgemeinen Krankenhaus

1693 war in Folge der "Türkenkriege" am Alsergrund ein Großarmen- und Invalidenhaus errichtet worden (heute Hof 1 des Universitäts-Campus). Weitere Höfe wurden sukzessive angebaut.

Unter Joseph II. wurde 1784 die gesamte Anlage adaptiert und zum Allgemeinen Krankenhaus (AKH) umgebaut (heute Höfe 1—7 des Universitäts-Campus) und um den militärischen Komplex — Garnisonsspital (heute Zahnklinik der Medizin Universität Wien) und die Militär-Chirurgenakademie "Josephinum" — erweitert. Bis dahin beherbergte das Areal Akut- und Chronischkranke, ausgediente und invalide Soldaten samt ihren Familien, Arbeits- und Obdachlose und Studenten, somit Hilfsbedürftige aller Kategorien. Nun kam es zu einer Spezialisierung, und für jede Gruppe wurden eigenständige Institutionen gestaltet.
Das Allgemeine Krankenhaus war ein zentrales Element der sozialen und sanitären Maßnahmen Josefs II. Er ließ einen Gesamtüberblick über das zersplitterte Wiener Armen- und Spitalswesens an, drängte auf rasche Umsetzung. Er lud 1782 zehn hochrangige Mediziner zu einem Wettbewerb ein, wie diese Neuorganisation und ihre baulichen Rahmenbedingungen aussehen sollten. Ziel war ein Nutzungskonzept für ein rationales, zentralisiertes Hauptspital in der bestehenden Baustruktur. Der kaiserliche Leibarzt Joseph Quarin gewann den Wettbewerb und wurde Anfang 1783 zum ersten Direktor des Allgemeinen Krankenhauses ernannt, der Architekt und Baumeister Josef Gerl wurde mit dem Umbau beauftragt. Das Konzept wurde gegen harte Kritik führender zeitgenössischer Mediziner durchgesetzt, die aus hygienischen und aus Betreuungsgründen mehrere kleine Einheiten forderten.

Im Großspital wurden die kleinen Räume des Armenhauses aufgelassen, große Krankensäle sowie Behandlungszimmer für Punktionen, Operationen und Aderlässe geschaffen. Für die Unterbringung von "Geisteskranken" wurde als einziger Neubau am Ende der Hofanlage ein fünfstöckiges Rundgebäude, der "Narrenturm", errichtet. Der festungsartige Rundbau war weltweit der erste Spezialbau zur ärztlichen Versorgung von psychisch Kranken. Mehr Gefängnis als Spital, stellte er trotzdem eine gewisse Verbesserung der bis dahin gänzlich trostlosen Lage der "Geisteskranken" dar.

Das Allgemeine Krankenhaus hatte 2.000 Betten (je PatientIn ein eigenes Bett — damals eine wichtige Innovation), eine Medizinische Klinik, vier Medizinische und zwei Chirurgische Abteilungen, eine Abteilung für Geschlechtskrankheiten und eine Geburtshilfliche Abteilung. Dazu kam der "Narrenturm" als Psychiatrische Abteilung. Sofort nach dem Tode Kaiser Josefs II. setzte heftigste Kritik von Medizinern und Verwaltung ein. Die unzureichende Wasserversorgung und Kanalisation, fehlende Isoliermöglichkeiten für Infektionskranke, die Fehlplanung des "Narrenturms" wurden offen kritisiert, von manchen sogar die sofortige Schließung verlangt und stattdessen gefordert, mehrere kleinere Spitäler zu bauen. Dazu kam es nicht, doch wurde die Gebäudeanlage jeweils dem Stand der medizinischen Forschung angepasst, umgebaut und erweitert. 

Das AKH im 19. und 20. Jahrhundert

Das AKH, obwohl großzügig angelegt, wurde rasch zu klein für den steigenden medizinischen Versorgungsbedarf der wachsenden Bevölkerung von Wien und den steigenden Raumbedarf der medizinischen Forschung und Lehre. 1825 wurde die stationäre Behandlung von Nicht-WienerInnen eingeschränkt, in den Krankensälen wurden mehr Betten auf gestellt — drei Reihen pro Saal — und das Versorgungshaus am Alserbach sowie das Transporthaus auf der Wieden als Filialspitäler des AKH eingerichtet.

Um dem weiter steigenden Raumbedarf gerecht zu werden, wurde die Anlage 1830—1834 um weitere Gebäudetrakte erweitert. Der Baugrund war schon seit 1783 als Bau- und Holzhof vom AAKH genutzt worden. In Weiterführung des bisherigen Hofrasters wurden an dessen Stelle die Höfe 8 und 9 errichtet. Die neuen Trakte waren bereits zweistöckig und auch unterkellert, führten sonst aber die bisherige Struktur von Raumverteilung, Raumgrößen und inneren Verbindungen weiter. Genau 50 Jahre nach Eröffnung des AKH wurde auch dieser Teil in Betrieb genommen. Neben dem Spitalsbetrieb war vor allem der Klinikbetrieb der Medizinischen Fakultät im AKH rasant gewachsen: Gab es bei Eröffnung 1784 eine Klinik mit 8 Abteilungen, waren es 1884 bereits 14 Kliniken und 20 Abteilungen. Der wachsende Bedarf an klinischem Funktionsraum konkurrierte und verdrängte den klassischen «Belagraum» (Krankenzimmer) des Spitals. Die großen Namen der Wiener Medizinischen SchuleKarl Rokitansky, Josef Skoda, Ferdinand Hebra, Ignaz Semmelweis, Theodor Billroth — führten gleichzeitig zu internationalem Ruhm.

Eine weitere Änderung brachten die unhaltbaren Zustände im "Narrenturm": Außerhalb des bisherigen Spitals wurde auf dem "Bründlfeld" — hier steht heute das Neue AKH — ab 1848 eine neue "Irrenanstalt" mit 553 Betten errichtet, die 1853 den Betrieb aufnahm. Der Fortschritt der Pathologischen Anatomie (Rokitansky) führte auch zum letzten großen Neubau im Areal des AKH, der 1862 eröffneten neuen Anatomisch-Pathologischen Anstalt im Hof 10, die das bisherige kleine ebenerdige Leichenhaus ersetzte und auch das Institut für Gerichtsmedizin und das Pathologisch-Anatomische Museum beherbergte. 1882—1884 wurde das Gebäude aufgestockt und um einen Hörsaal erweitert (heute Hörsaal D).

Da weitere Umbauten im bestehenden Areal den geänderten Ansprüchen der medizinischen Forschung und Spitalsversorgung nicht mehr entsprochen hätten, wurde Ende des 19. Jahrhunderts damit begonnen, die "Neuen Kliniken" in räumlicher Nähe zwischen der Spitalgasse, Lazarettgasse und dem Hernalser Gürtel zu errichten. 20 Klinikbauten sollten auf einem Areal von 145.000 m² entstehen, sowie Bauten für die Administration, für den ökonomisch-technischen Betrieb und für Personalunterkünfte. Ein Teil wurde 1904—1911 (I. und II. Frauenklinik, Kinderklinik, II. Ohrenklinik) errichtet. Nach geplanter Fertigstellung stand auch ein Abriss des AKH zur Diskussion. Doch der weitere Ausbau der "Neuen Kliniken" wurde durch den Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Monarchie gestoppt.

Verdichtung, Abriss- und Neubaupläne und Schenkung an die Universität Wien

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgte daraufhin  eine Phase permanenter Umbauten und Zubauten, die Höfe des AKH wurde aus Platzmangel immer weiter mit barackenartigen Einbauten verbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die unterschiedlichsten Planungen schließlich zum Neubau des heutigen AKH. Nach über 200 Jahren Nutzung als Spital bzw. 300 Jahren Nutzung als Versorgungs- und Spitalsbau wurde das große zentrumsnahe Areal damit in den 1990er Jahren für die Nutzung durch die Universität Wien frei. Wie bereits zum 600-Jahr-Jubiläum der Universität 1965 angekündigt, schenkte die Stadt Wien 1988 das Alte AKH der Universität Wien zur Errichtung eines zentrumsnahen Uni-Campus, der 1998 eröffnet wurde.

Ausstellung "Vom AKH zum Uni-Campus"

Im Rahmen des 650. Universitätsjubiläums fand von 29. April 2015 bis 18. März 2016 in der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte (Campus der Universität Wien, Hof 1.12) die Ausstellung "Vom AKH zum Uni-Campus" statt. Die Ausstellung dokumentierte die intensiven Umbauarbeiten des 100.000 m² großen Areals zum Campus für die Geistes- und Kulturwissenschaften der Universität Wien (eröffnet 1998) und thematisierte die Nutzung durch die Studierenden und MitarbeiterInnen der Universität Wien und die Wiener Bevölkerung. Anhand von Plänen, Fotografien und Publikationen vom 17. bis 21. Jahrhundert wurde der Wandel des Areals unter zeit-, sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten, wie auch architekturhistorischen und stadtplanerischen Gesichtspunkten beleuchtet. Im Ausstellungsteil "Achse der Erinnerung" wurden die vom Alten AKH übernommenen Denkmäler, wie auch die neuen Gedenkinitiativen der Universität aufgegriffen und historisch kontextualisiert. Diese "Achse" wurde als gedenkpolitische Intervention für den "Erinnerungsraum Campus" konzipiert. Eine Web-App ermöglicht BesucherInnen vor Ort mittels eines QR-Codes einen digitalen Zugriff zu ausgewählten Gedenkorten, um so mehr über die Entstehungs- und Hintergrundgeschichten zu erfahren.

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Herbert Posch

Zuletzt aktualisiert am : 18.02.2021 - 19:11

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